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Bildung durch sehen möchte einen neuen Erkenntnisweg beschreiten. Das herkömmliche Erkennen
der sichtbaren Wirklichkeit führt zur Beschreibung des Gegenstandes, zur Analyse desselben oder
zu Werturteilen. „Sehen“ möchte etwas ganz anderes.
Zunächst geht es darum, festzustellen, dass die sichtbare Wirklichkeit sich dem Auge – noch
vor aller Deutung – als Farbe mitteilt. Alle Farben stehen in einem lebhaften Verhältnis zueinander,
was bedeutet, dass man keine Farbe ohne eine andere sehen kann. Die farbige Wahrnehmung ist also
ein dauerndes Zueinander-in-Beziehung-setzen. Das allein wäre bereits ein Bildungsmodell.
Das gleichzeitige Sehen von Farben ist das Sehen eines Ganzen. Was im Denken nicht möglich ist,
da ein Gedanke dem andern zeitlich und logisch oder analytisch folgt, ist im Sehen möglich.
Das, was im Denken nur linear, als Nacheinander möglich ist, ist im Sehen als gleichzeitige
Einheit wahrnehmbar. Stoff und Raum, Licht und Schatten, warm und kalt, alles ist in der farbigen
Ausstrahlung enthalten und bildet durch das Miteinander ein Ganzes. Also auch hier wieder ein
Bildungsmodell: nicht fokussierend isolierend wie beim Spezialisten, sondern universal vereinigend
ist die Kraft des Sehens. („Auf der Oberfläche eines Apfels sehe ich das ganze Universum.“
Zitat Paul Cézanne)
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Farben in der Beziehung gesehen reagieren aufeinander wie Menschen, die sich begegnen. Auf die
Malerei übertragen heisst das, dass die eine Farbe einmal Ausdruck der Materie und die andere
Ausdruck des Raumes ist - oder umgekehrt. Jedenfalls muss jede farbige Beziehung immer neu gesehen
werden. Es gibt dafür weder Rezepte noch Regeln. Es ist immer neu der schöpferische Betrachter
gefordert, der das Abenteuer der immer neuen Entscheidung eingehen muss. Also erneut ein
Bildungsmodell?
Diese Reihe von Gedanken liesse sich fortsetzen.
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